| Energiewende – langfristig sicher stellen

Energiewende – langfristig sicher stellen

[in German] Eckpunkte zur Umsetzung aus nachhaltigkeitswissenschaftlicher Perspektive

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat in Deutschland zu einer weit reichenden politischen Veränderung geführt. Nach jahrzehntelanger Diskussion über die friedliche Nutzung der Atomenergie, die spätestens seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 nach Meinungsumfragen von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert wurde, haben nun die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag ihre Haltung revidiert. Sie haben den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 beschlossen. Eingebettet wird dieser Ausstieg in eine breiter angelegte Energiewende, in der auch der Klimaschutz besondere Beachtung finden soll.

Deutschland steht damit unmittelbar vor einem fundamentalen Transformationsprozess hin zu einer kohlenstoffarmen und atomenergiefreien Gesellschaft. Die notwendigen Veränderungen, um bis zum Jahr 2022 aus der Atomenergie auszusteigen und bis zum Jahr 2050 weitgehend auf fossile Energieträger zu verzichten, haben eine enorme Reichweite , z.B. (Erneuerbare) Energietechnologien und Energieeffizienztechnologien sind weiterzuentwickeln bzw. neu zu erfinden, die Stromnetze und Speicherkapazitäten sind auszubauen, enorme Investitionen in erneuerbare Energietechnologien und Infrastrukturen sind erforderlich, neue Geschäftsmodelle sind zu entwickeln, das Energieverbrauchsverhalten ist zu verändern und schließlich sind die Atomkraftwerke zurückzubauen und Endlagerstandorte zu finden. Angesichts dieser Herausforderungen wird klar, dass ein erfolgreicher Übergang in eine atomenergiefreie und postfossile Gesellschaft wesentlich mehr verlangt als energietechnische Entwicklungen, energiewirtschaftliche Analysen und Szenarien oder einzelner Gesetzesinitiativen. Die Komplexität der Herausforderungen, die verbunden sind mit großen Unsicherheiten sowohl in der Zuverlässigkeit von alternativen Energietechnologien als auch bei der gesellschaftlichen Akzeptanz, erfordern inklusive Entscheidungsprozesse, die der Vielfalt an Werten, Interessen und Wissensansprüchen Rechnung trägt und Wissen aus Forschung und Praxis umfassend wie auch zielgerichtet integriert.

Das Gutachten der Ethikkommission „Deutschlands Energiewende“ betont dementsprechend zu Recht, dass die Energiewende ein „Gemeinschaftswerk“ sein muss. Mit der Einrichtung eines “Nationalen Forums“, das Bürgerdialoge initiieren soll, gibt die Kommission auch einen ersten Hinweis, wie die Energiewende zu einem gesamtgesellschaftlichen Projekt gemacht werden könnte. Das Eckpunktepapier der Bundesregierung „Der Weg zur Energie der Zukunft – sicher, bezahlbar und umweltfreundlich“ greift einige Punkte der Ethikkommission auf, bleibt jedoch vage bezüglich der Frage, wie die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in einen gemeinsamen Transformationsprozess einbezogen werden sollen und können. Zudem werden umstrittene Vorschläge gemacht, wie z.B. ein Gesetz zur Netzausbaubeschleunigung und zum Zubau von Kohlekraftwerken. Die Kritik von Umweltverbänden an diesem Entwurf ist eindeutig: Ihrer Meinung nach ist die Wende zu langsam, zu wenig auf erneuerbare Energien und Energieeinsparung abzielend und zu sehr an fossilen Energien festhaltend.

Die beginnende Energiewende hat demnach noch sehr viele Hürden zu überwinden, um zu einem erfolgreichen gesamtgesellschaftlichen Projekt zu werden. Vor diesem Hintergrund sehen sich die transdisziplinären Nachhaltigkeitswissenschaften herausgefordert, um hierzu ihren Beitrag zu leisten. Dazu müssen die praktischen Problemstellungen mit den natur- und ingenieurwissenschaftlichen sowie den sozial- und geisteswissenschaftliche Fragestellungen verknüpft werden und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen auf Augenhöhe mit Praxisakteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und gesellschaftlichen Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Innovative Beteiligungs- und Planungsformen, die nicht zu einer Verlängerung des Energiewendeprozesses führen, sind hierfür eine wichtige Voraussetzung.

Die Energiewende muss in einem gut geführten, kohärenten wechselseitigen Lernprozess an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis so konsensorientiert wie möglich gestaltet werden. Drei wesentliche Anforderungen sind dabei zentral:

• Die Vielfalt an Interessen, Wissensformen und Wertvorstellungen unterschiedlicher gesellschaftliche Gruppen ist für die Energiewende zusammenzuführen. Dabei sind Divergenzen und die Pluralität von Perspektiven transparent und produktiv für die Vielzahl der anstehenden Herausforderungen zu nutzen. Dafür werden strukturierte inter- und transdisziplinäre Lern-, Kommunikations-, Reflexions-, Bildungs- und Gestaltungsprozesse benötigt, in denen Wissensansprüche geklärt, bewertet und Handlungsoptionen entwickelt werden.

• Die Wechselwirkungen und potentiellen Zielkonflikte zwischen ökonomischer Machbarkeit, ökologischer Tragfähigkeit und sozial gerechter Ausgestaltung der Energiewende sind aus der Perspektive der nachhaltigen Entwicklung in besonderem Maße zu beachten und zu bearbeiten. Die Energiewende ist in diesem Verständnis als eine langfristige Energiepolitik weiter zu konkretisieren.

• Die Umsetzung der Energiewende, die einen weit reichenden Wandel von Technologien, Institutionen und individuellem wie kollektivem Handeln bedeutet, erfordert einen Forschungs- und Entwicklungsprozess, der in viel stärkerem Maße als bislang‚ Grenzen‘ zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft überschreitet, um konkrete Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Dazu gehören u.a. die gezielte Förderung von sozio-technischen Innovationen in Nischen und Experimenten sowie kontinuierliche und systematische Lernprozesse.

Die Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg wird sich mit ihrer nachhaltigkeitswissenschaftlichen Fach- und Methodenexpertise aktiv in den Prozess der Energiewende einbringen. Als humanistische, handlungsorientierte und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Universität versteht sie sich als Ort für den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu wichtigen Zukunftsfragen. In Forschung, Lehre und Transfer wird sie die Energiewende kritisch begleiten und sich aktiv an der Gestaltung eines gelingenden Übergangs in eine atomenergiefreie und kohlenstoffarme nachhaltige Gesellschaft beteiligen. Sie wird ihre Expertise insbesondere zu folgenden Fragen und Herausforderungen in den Prozess der Energiewende kreativ einbringen:

• zur nachhaltigkeitspolitischen und -rechtlichen Steuerung,

• zum unternehmerischen Nachhaltigkeitsmanagement,

• zur Gestaltung von Informations-, Kommunikations- und Bildungsprozessen,

• zur Begleitung von Partizipation- und Kooperationsprozessen

• zur Unterstützung und Gestaltung von strukturierten Lernprozessen zwischen Wissenschaft und Praxis,

• zur Initiierung, Analyse und Evaluation von Transformationsprozessen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene sowie

• zu natur- und technikwissenschaftlichen Konsequenzen und ethischen Reflektionen.

Die erforderliche Kompetenz zur Begleitung und Unterstützung des Energiewendeprozesses steht u.a. durch folgende Personen mit ihren Instituten und Arbeitsbereichen der Fakultät Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg zur Verfügung:

Prof. Dr. Eckard Bollow, Informatik und Energiesysteme, Prof. Dr. Helmut Faasch, Neue Medien, Prof. Dr. Werner Härdtle, Landschaftsökologie und Klimawandel, Prof. Dr. Harald Heinrichs, Nachhaltigkeitspolitik, Prof. Dr. Klaus Kümmerer, Stoffliche Ressourcen, Prof. Dr. Daniel Lang, Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, Prof. Dr. Pim Martens, Klimawandel, Prof. Dr. Gerd Michelsen, Nachhaltigkeitskommunikation, Prof. Dr. Andreas Möller, Kommunikation und Neue Medien, Prof. Dr. Jens Newig, Governance, Partizipation und nachhaltige Entwicklung, Prof. Dr. Nils Oermann, Nachhaltigkeitsethik, Prof. Dr. Hans-Joachim Plewig, Soziale Nachhaltigkeit, Prof. Dr. Wolfgang Ruck, Umweltchemie und Energietechnologien, Prof. Dr. Thomas Schomerus, Umwelt- und Energierecht, Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Prof. Dr. Brigitte Urban, Regionaler Klimawandel, Prof. Dr. Henrik von Wehrden, Nukleare Risiken, Meinfried Striegnitz (ehem. Präsident des Nds. Landesamtes für Ökologie), Moderation und Mediation.

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